Herr Schögel, Kritiker sagen, Sharing Economy sei keine soziale Bewegung, sondern werde von Investoren als neues Geschäftsmodell missbraucht. Wie sehen Sie das?

Schögel: Sharing Economy kann man aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Zum einen ist es eine neue Form, um Profit zu erzielen. Unternehmen erschliessen mit dem Modell Marktbereiche, die auf Ineffizienzen beruhen. Mir fehlt eine kritische Reflexion bestehender Unternehmen, wie sie mit dem Trend umgehen. Eine Taxifahrt beispielsweise wurde durch Navigationssysteme weniger komplex. Ob ich ein Taxi oder Uber nehme, ist eine Frage der Bequemlichkeit und des Preises. Für ein Taxi, das zu bestimmten Tarifen fahren muss, ist das ein Problem. Es ist aber falsch zu sagen, dass Uber ausbeutet. Es hat zunächst einmal andere Geschäftsbedingungen.

Dann nutzen Unternehmen das Ideal einer teilenden und nachhaltigen Gesellschaft, um Geld zu verdienen?

Schögel: Nicht nur. Parallel dazu entstand eine nicht-marktliche Sharing Economy, deren Fokus in ökologischen und sozialen Aspekten liegen. Das zeigt, dass Teilen nicht nur für Kapitalisten spannend ist, sondern eine Veränderung der Gesellschaft bedeutet, die sich nicht alleine durch den Konsum definiert.

Ist der Trend in der Schweiz weit verbreitet?

Schögel: Die Schweiz war mit dem Carsharing-Konzept von Mobility um Jahre schneller als die Amerikaner. In vielen Fällen lösen Sharing- Konzepte Probleme von Ballungsräumen. Wenn man nahe beisammen wohnt, ist Tauschen schlauer. Dieses Phänomen ist nicht erst kürzlich entstanden. Jedoch hat das Smartphone den Zugang zur Masse gewährt. Digitale Technologien treiben die Sharing Economy an. Die Statussymbole unserer Gesellschaft haben sich verändert. Nachts mit Uber durch Kalifornien zu fahren, ist cool. Zudem hat das knappe Budget in Zeiten der Finanzkrise dazu beigetragen, dass wir Ressourcen sparen wollen.

Sharing-Unternehmen stellen die Plattformen zu Verfügung, weichen aber den Pflichten eines Arbeitgebers aus. Wie beurteilen Sie die Rechtslage?

Schögel: Wir reden von einer neuen Form von Anstellungsverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Neue Rechtsgrundlagen müssen entstehen. Das heisst aber nicht, dass Uber verschwinden muss. Wer sich benachteiligt fühlt, hat das Recht zu klagen. Es stellt sich die Frage, ob unsere rechtlichen Rahmenbedingungen einer modernen Wirtschaft entsprechen. Zudem muss Aufklärungsarbeit betrieben werden, damit sich Menschen bewusst sind, unter welchen Bedingungen sie arbeiten.

Kritiker behaupten, dass Milliardenkonzerne wie Uber oder Airbnb sich der Gesetzesgrundlage entziehen können.

Schögel: In Berlin beispielsweise hat sich Uber angepasst, da das Unternehmen sich gegen die lokalen Taxis nicht durchsetzen konnte. In Hamburg hingegen arbeiten Taxifahrer verschiedentlich mit Uber zusammen, um zusätzliches Einkommen zu erwirtschaften. Sofern wäre ich vorsichtig, den Mächtigen gegen den Kleinen darzustellen. Fakt ist, dass ein solches System versucht eine dominante Stellung zu erreichen und einen Standard zu setzen.

Gehen durch die Sharing Economy Arbeitsplätze verloren?

Schögel: Ob Jobs verdrängt werden oder entstehen wird kontrovers diskutiert. Sicherlich werden sich aber die Berufsbilder ändern. Dementsprechend muss man sich flexibel zeigen und sich weiterentwickeln.

Wer profitiert am meisten vom Trend?

Schögel: Das Schöne ist, dass jeder von der Sharing Economy profitieren kann. Während Foodsharing bei Studenten beliebt ist, richten sich Helikopterflüge von Uber in São Paolo vor allem an die oberen Einkommensschichten.

Ist der Traum von einer teilenden, sozial- und ökologisch bewussten Welt geplatzt?

Schögel: Dominante Geschäftsmodelle werden in Zukunft bestehen bleiben. Das ist aber nicht das Ende der Sharing Economy. Im Kleinen gibt es unzählige Projekte. Die vernetzte, digitale Wirtschaft ist mehr ein Segen, als dass es jemandem weh tut. Auch Uber und Airbnb haben ein Sendungsbewusstsein aus einem sozialen Kern. So beissen sich die Kleinen und die Grossen vom Prinzip her nicht.

Quelle: Ostschweiz am Sonntag